„Hier zu arbeiten bereue ich keinen Tag“

Monika Gutzeit im Interview

„Hier zu arbeiten bereue ich keinen Tag“

21. Dezember 2022

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    Monika Gutzeit wird am 21. Dezember 2022 64 Jahre alt. Dieser Mittwoch ist gleichzeitig ihr letzter Arbeitstag, bevor sie sich in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet. Ihr erster Tag war am 01. April 1975 – ebenfalls im Sankt Gertrauden-Krankenhaus. Sie war fast 48 Jahre im Haus und ist daher so etwas wie ein wandelndes Geschichtsbuch – sozusagen eine echte SGK-Zeitzeugin. Monika hat 30 Jahre als Schwesternhelferin auf Station gearbeitet, eine kurze Zeit im Bereich Sterilisation und dann 17 Jahre lang im Hauswirtschaftsdienst. Wir haben sie kurz vor ihrem letzten Arbeitstag getroffen und gemeinsam mit ihr auf die letzten knapp 48 Jahre und das Arbeiten im Krankenhaus zurückgeblickt.

    Monika, der Tag rückt näher, an dem Sie morgens nach fast 48 Jahren nicht mehr ins Sankt Gertrauden-Krankenhaus fahren. Haben Sie sich für diesen Tag schon etwas vorgenommen?
    Das fragt mich eigentlich jeder. Ich weiß es nicht, das lasse ich auf mich zukommen. Erstmal freue ich mich wahnsinnig morgens um vier Uhr nicht mehr aufzustehen. Das ist das allerschlimmste. Ich kann dann abends endlich das Licht ausmachen, wann ich möchte.

    Schluss mit Arbeiten im Krankenhaus: Was überwiegt, wenn Sie an Ihren Ruhestand denken: Freude oder Wehmut?
    Ich freue mich riesig auf mein Privatleben. Ich bin jetzt selbstbestimmt über mein Leben. Keiner sagt ‚Du musst das machen‘, ‚Das muss noch passieren‘ – nein, ich kann jetzt über mich selbst bestimmen, das ist ein ganz tolles Gefühl. Ich habe drei Enkelkinder, auf die freue ich mich dermaßen.

    Sie sind jetzt 64 Jahre alt, sie waren über 47 Jahre im Haus – das bedeutet: Sie haben im Alter von 16 Jahren hier angefangen. Wie kamen Sie zu dem Job im SGK?
    Durch meine Mutter, die hat damals auch hier gearbeitet. Sie wurde hier sehr geschätzt und hatte ein ganz tolles Verhältnis zu den Ordensschwestern. So kam es, dass ich eigentlich schon als Kind immer hier war – da hatte ich noch einen Puppenwagen. Die Schwestern haben sogar mein erstes Schulkleid hier genäht. Es war immer ganz herzlich, ganz familiär. Meine Mutter war insgesamt auch 43 Jahre hier.

    Dann haben Sie ihren Rekord ja gebrochen …
    Ja – und die war als ich angefangen habe schon 30 Jahre hier. Da hab ich noch zu ihr gesagt ‚Du so lange bleibe ich hier nicht‘ – und nun, habe ich sie sogar überholt. Und mein Bruder ist auch schon seit 30 Jahren hier.

    Familie und Freunde an einem Ort

    Wahnsinn … das hat ja ein bisschen was von einem Familienunternehmen.
    Und es geht noch weiter: Das Gertrauden ist auch das Geburtshaus meines Bruders und mir. Ich selbst habe zwei Kinder, die auch hier zur Welt kamen. 2018 ist meine Mutter auch hier verstorben, das war ihr auch ganz wichtig. Und diese Anbindung hab ich eben auch, ich würde mich auch jederzeit hier reinlegen als Patientin.

    Fällt Ihr Gesamtfazit also positiv aus?
    Ich war nicht immer mit allem einverstanden, das ist klar – man hat auch mal ein Problem mit dem Arbeitgeber, aber im Grunde genommen habe ich eine ganz große Beziehung zum Haus. Wenn ich zurückblicke auf die Zeit und was man für tolle Kolleg:innen kennengelernt hat, was für Menschen, das ist ja Wahnsinn. Ach, so einige Kolleg:innen werde ich vermissen.

    Das klingt auch nach ein paar sehr guten Freundschaften …
    Über die Jahre sind ganz viele Freundschaften fürs Leben entstanden. Viele davon arbeiten gar nicht mehr hier, man trifft sich trotzdem regelmäßig, tauscht sich aus und freut sich. Ich hab ja hier Freundschaften, die bestehen schon 40 Jahre und da ist man ganz stolz, das ist so schön.

    Von der Schwesternhelferin über den Steri zum Hauswirtschaftsdienst

    Wie verlief denn genau Ihr Werdegang?
    Damals waren ja die Ordensschwestern hier und Schwester Martina – mit der habe ich heute noch Kontakt, wir verstehen uns ganz toll – die kam damals auf mich zu. Ich hatte gerade die Hauptschule abgeschlossen – das ist mir alles ziemlich schwer gefallen, ich war einfach sehr faul. Sie sagte ‚Wenn du wirklich nicht lernen willst, Monika, dann sorge ich dafür, dass du hier einen Vertrag kriegst als Schwesternhelferin‘.

    Und das war ich dann 30 Jahre. Ich habe das zwar leider nie gelernt, aber ich wurde so gut angelernt, dass ich schnell die jungen Schwestern alle angelernt habe. Jeder hat gesagt ‚Mensch Moni, du bist schon so lange hier, zeig uns das mal‘. Mir fehlte wirklich nur die Theorie und das ärgert mich heute noch.

    Und was ist nach den 30 Jahren passiert?
    Ich war dann ein Jahr im Bereich Sterilisation, weil da meine Stundenzahl erhöht werden konnte. Aber das hat mir nicht gefallen, das war mir zu tot – die toten Instrumente, ich habe mich da nicht wohl gefühlt. Auf Station konnte ich aufgrund der Entwicklung des Hauses und der fehlenden Ausbildung nicht mehr zurück und dann hat man gefragt, ob ich einverstanden wäre mit dem Hauswirtschaftsdienst. Meine Kinder waren damals klein, ich hab mich getrennt von meinem Partner und dann habe ich gedacht ‚Hauptsache Geld verdienen‘. Egal was ich mache, ich kann mich da unterordnen und habe dann jetzt nochmal 17 Jahre im Hauswirtschaftsdienst gearbeitet.

    Was war der größte Unterschied in den Aufgabebereichen?
    Also auf Station war ich lieber. Das hat nichts mit dem Putzen zu tun, sondern mit der fehlenden Nähe zum Patienten. Diese Arbeiten mit dem Patienten morgens, das Waschen oder Hilfestellungen, Essen zubereiten und all dieses – das lag mir sehr.

    Provokant gefragt: Wie konnten Sie es so lange hier durchhalten?
    Ja, das weiß ich auch nicht. Es hat mir halt immer großen Spaß gemacht. Wir waren ein ganz tolles Team auf der Station 8 – das war damals septische Chirurgie. Dieses Team hat mich so toll aufgenommen. Ich habe mir immer gesagt ‚Du musst überall arbeiten, du möchtest hier nicht weg‘. Ich habe mich immer so geborgen und wohlgefühlt. Wir haben auch tolle Weihnachtsfeiern gehabt, wir sind zwischendurch immer alle weggegangen, es war immer irgendwie was los, jeder kannte sich auch aus dem Privatleben.

    Monika Gutzeit über das Arbeiten im Krankenhaus: "Ich habe mich immer so geborgen und wohlgefühlt"

    Haben Sie jemals über einen Wechsel nachgedacht?
    Es gab ganz viele schöne Momente, aber es gab auch Sachen, wo ich traurig war und die ich nicht verstanden habe. Natürlich habe ich mal gedacht ‚Soll ich jetzt wechseln, soll ich jetzt gehen?‘, aber man setzt sich dann ja manchmal zu Hause hin und schaut auf das Pro und das Contra und die Pro-Punkte waren dann doch immer mehr – alleine zum Beispiel Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld, gute und pünktliche Bezahlung, das sind Sachen, die hat man gar nicht überall.

    Würden Sie heute alles genauso machen?
    Ich war doof, ich hätte Krankenschwester lernen sollen – das wäre mein Traumberuf gewesen. Das würde ich heute anders machen. Meinen Werdegang von knapp 48 Jahren bereue ich keinen Tag. Aber wenn ich von vorne anfangen würde, würde ich den Beruf lernen.

    Auch in der heutigen schwierigen Situation?
    Ja, würde ich trotzdem machen – auf jeden Fall.

    Arbeiten im Krankenhaus: Damals vs. heute

    Nehmen Sie uns gerne mal mit in die Vergangenheit: Wie war vor 48 Jahren die Situation im SGK?
    Damals waren die Ordensschwestern noch viel präsenter, es waren ja mal 75 Ordensschwestern hier. Wir hatten zwei Schwestern auf jeder Station. Sr. Martina beispielsweise, unsere Ordensschwester, kam immer morgens so um sieben bis zum Mittagessen, dann ging sie beten und essen, und kam nachmittags nochmal auf Station und hat abends die Medikamente verteilt.

    Was war das besondere an den Ordensschwestern?
    Arbeiten im Krankenhaus war damals ganz anders, das kann man nicht vergleichen. Über die Ordensschwestern kam so viel Liebe rüber, so viel Dank. Mir fehlt heute manchmal das Menschliche. Es wäre schön, wenn das nicht ganz verloren geht. Und so schön es auch mit der ganzen Technik ist, man hat früher mehr miteinander geredet.

    Gilt das auch für die Zusammenarbeit mit den Patient:innen?
    Ja, aber das war damals sowieso ganz anders. Bei uns auf der Station lag man mindestens drei Monate bis zu einem halben oder sogar dreiviertel Jahr. E s hat eben gedauert, bis die Wunden geheilt waren – damals war die Medizin ja noch nicht so weit und wir hatten hier auch die nötige Zeit. Und natürlich baut man in so einer Zeit eine ganz andere Bindung mit den Menschen auf.

    Also wirklich eine ganze andere Zeit.
    Ich kenne das hier alles noch, da waren manche Häuser noch gar nicht gebaut. Wir hatten hinten an der ersten Hilfe eine riesige Wiese, da wurde die Wäsche getrocknet, da hatten wir ein Waschhaus. Der Eingang, das war damals noch ganz anders. Es gab feste Besuchszeiten – und wenn das Tor hochging und die Tür aufging wie im Kaufhaus, dann stürmten alle Leute rein, weil es war ja immer nur eine Stunde Besuchszeit. Und danach ist man durch die Zimmer gegangen und hat gesagt: ‚Reicht euch die Hände, die Besuchszeit ist zu Ende‘.

    Apropos Besuch – kommen Sie uns mal besuchen?
    Jaaa, das fragen jetzt schon ganz viele von den Kolleg:innen – natürlich werde ich vorbeikommen.

    … aber nicht morgens um halb sechs.
    Neeee, dann such ich mir die Zeit aus.

    Haben Sie Angst, dass Ihnen langweilig werden könnte?
    Meine große Tochter hat die Leitung in einem Pflegeheim. Wenn mir langweilig werden sollte, sagt sie, kann ich sofort kommen und ehrenamtlich den Leuten vorlesen oder irgendwelche Handreichungen anbieten.

    Zum Abschluss: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
    Für mich ist wichtig, dass ich ganz lange gesund bleibe – dass ich das wirklich erstmal genießen kann.

    Das wünschen wir Ihnen auf jeden Fall. Vielen Dank und alles Gute!

    Hast du Fragen?

    Klar, wir wollen uns gut darstellen, damit wir für Dich/Sie attraktiv sind. Aber wir wollen uns hier nicht anders zeigen als wir sind. Unsere Kolleginnen und Kollegen überzeugen sowieso am meisten. Wenn du also Fragen hast, hilft unsere Personalabteilung gerne weiter: 030 8272 2424

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